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„Diese Chance bekommt man nur einmal im Leben“

Das #TABinterview mit Frederic Stürtzel

Frederic Stürtzel

„Diese Chance bekommt man nur einmal im Leben“

Im Jahr 2019 wurde der Freistaat Thüringen in 20 Gewässerunterhaltungsverbände (GUV) gegliedert. Einer von ihnen ist der GUV Leine/Frieda/Rosoppe mit Sitz in Heilbad Heiligenstadt. Er umfasst die Einzugsgebiete der Flüsse Leine, Frieda, Rosoppe und Walse. Im #TABinterview sprechen wir mit dem heutigen Geschäftsführer Frederic Stürtzel, der den Verband von Anfang an mit aufbaute. Gemeinsam mit seinem elfköpfigen Team werden Gewässer zweiter Ordnung, Deiche und Hochwasserschutzanlagen unterhalten und die Gewässerentwicklung nach Maßgabe des Thüringer Wassergesetzes vorangetrieben.

zur Website des Gewässerunterhaltungsverbandes

Der GUV Leine/Frieda/Rosoppe wurde erst 2019 gegründet, wie fing alles an?

Frederic Stürtzel: Wir starteten so richtig im Januar 2020 mit einem kleinen Team und leeren Büros. Die Pflege und Unterhaltung kleiner Gewässer zweiter Ordnung war bis dahin den Kommunen vorbehalten, die jedoch vielerorts keine Kapazitäten dafür hatten. Mit Gründung der neuen Gewässerunterhaltungsverbände in Thüringen ging die hoheitliche Unterhaltungspflicht auf unsere neue Struktur über. Mittlerweile erstreckt sich unser Aufgabenfeld nicht mehr nur auf die Gewässerunterhaltung und Fließgewässerentwicklung, sondern auch auf Themen wie Naturschutz, Landschaftspflege und Umwelt- und Ökodienstleistungen.

Sie sind heute erst 33 Jahre jung. Wie sind Sie zum GUV gekommen?

Frederic Stürtzel: Eigentlich wollte ich Marineoffizier werden, denn Wasser hat mich schon immer fasziniert. Dennoch studierte ich erstmal klassisch Bauingenieurwesen in Kassel und habe mich dort sehr schnell auf den Wasserbau und das Thema Grundwasserhydraulik festgelegt. Diese Entscheidung war aus heutiger Sicht goldrichtig, denn nach dem Studium konnte ich schnell in spezialisierten Ingenieurbüros Fuß fassen. Mittlerweile wieder in meinem Heimatort Sonnenstein wohnhaft, erreichte mich eines Tages die Nachricht der Gründung des Gewässerunterhaltungsverbands. Die Chance, einen Verband sprichwörtlich auf der grünen Wiese mit aufzubauen, bekommt man nur einmal im Leben, und ich habe mich daher sofort beworben. Ich unterstützte dann als Ingenieur und stellvertretender Geschäftsführer beim Verbandsaufbau und wurde im April 2023 gefragt, ob ich mir auch die Leitung des Verbands zutraue. Nach meiner Zusage folgten einige schlaflose Nächte in der Anfangszeit, aber ich hatte nun die Möglichkeit, dem Verband meinen eigenen Stempel aufzudrücken. Ich habe mittlerweile 4 Kinder, und der GUV ist das erste von ihnen. (lacht)

Wie kann man sich die tägliche Arbeit in einem GUV vorstellen?

Frederic Stürtzel: Wir sind ein eingespieltes elfköpfiges Team. Während sich die Kolleginnen und Kollegen im Büro um viele administrative Tätigkeiten und Verwaltungsaufgaben kümmern, sind unsere Flussarbeiter täglich bei Wind und Wetter im Außenbereich unterwegs. 

Besonders stolz sind wir auf unseren Auszubildenden im Wasserbau, denn dieser Beruf galt als nahezu ausgestorben in Thüringen. Nachwuchs in diesem Bereich ist sehr wichtig und wird in den GUVs auch in Zukunft dringend benötigt.

Ein großer Fokus unserer administrativen Arbeit liegt in der Beantragung und Bearbeitung der Förderrichtlinien im Bereich Gewässer- und Hochwasserschutz.

Über die Thüringer Aufbaubank gewährt der Freistaat Zuschüsse zur Verbesserung des Hochwasserschutzes und der Fließgewässerentwicklung, welche Rolle kommt dem GUV hierbei zu?

Frederic Stürtzel: Von der Ideenentwicklung über die Ausschreibung bis hin zur Planung mit externen Dienstleistern und beteiligten Kommunen: unser Team ist an allen Prozessschritten zur Umsetzung von konkreten Maßnahmen beteiligt. Bei der Beantragung und abschließenden Abrechnung stehen wir seit jeher im engen Kontakt mit der TAB.

Hinweis: Zur Förderung des Hochwasserschutzes und der Fließgewässerentwicklung sowie der Fließgewässerdurchgängigkeit stehen den Gewässerunterhaltungsverbänden die Verbandskoordinatoren Gewässerunterhaltung der Thüringer Aufbaubank zur Seite. Sie unterstützen fachlich und förderrechtlich bei der Planung und Umsetzung der Maßnahmen.

Überblick über aktuelle Projekte

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit in der Praxis?

Frederic Stürtzel: Wir arbeiten hier auf mehreren Ebenen mit der TAB zusammen. Man merkt, die Verbandskoordinatoren sind vom Fach und können sich schnell in unsere Ideen reindenken. Dadurch entsteht eine kollegiale Zusammenarbeit, die uns immer in die Lage versetzt, Kompromisse zu finden. Diese sind vor dem Hintergrund der Regularien und EU-Rahmenbedingungen auch nötig. Ein Griff zum Telefonhörer reicht häufig, um offene Fragen schnell zu klären. Das reicht bis zur guten Zusammenarbeit bei der Prüfung der Mittelverwendung auf Sachbearbeitungsebene. Besonders freut uns, dass unsere Stellungnahmen auch bei der Erstellung neuer Richtlinien Gehör finden. 

Können Sie uns aktuelle Projektbeispiele nennen?

Frederic Stürtzel: Aktuell befinden sich zwei TAB-geförderte Projekte in unserem Verbandsgebiet auf der Zielgeraden. Bei der Verbesserung des Hochwasserschutzes der Rosoppe in der Gemeinde Schimberg/ OT Martinfeld stehen nur noch wenige Restarbeiten aus. Hier wurden die Uferwände beidseitig erhöht, um auf das nächste statistische Jahrhunderthochwasser vorbereitet zu sein. Auch zwei Brücken mussten erhöht werden, um den Durchfluss zu garantieren bzw. ihre hydraulische Leistungsfähigkeit zur erhöhen.

Eine weitere Maßnahme zur Fließgewässerentwicklung der Geislede in der Gemeinde Geisleden ist bereits abgeschlossen. Hier versickerte der begradigte Fluss im karstigen Untergrund und war im Sommer meist verschwunden. Ziel der jüngsten Baumaßnahmen war die Wiederherstellung des Gewässers als Lebensraum und Erhalt der Geislede, auch im Hinblick auf die Trinkwasserversorgung. Dafür wird das Flussbett auf natürliche Art und Weise und durch den Einsatz von hölzernen Querriegeln angehoben und entsteht eine naturnahe Bachsohle.

Kommt dem Hochwasserschutz vor dem Hintergrund zunehmender Wetterextreme heute mehr Bedeutung zu?

Frederic Stürtzel: Der Hochwasserschutz und die Fließgewässerentwicklung gehen Hand in Hand. Hat man Flüsse früher begradigt, um das Wasser schnell abzuleiten, verfügen wir heute über einen anderen Wissenstand, der auf die Wiederherstellung naturnaher Flussläufe abzielt. Durch neue Retentionsräume und eine langsamere Fließgeschwindigkeit können neue Lebensräume für Tiere entstehen und Hochwasser besser abgefedert werden.

In welchem Verhältnis stehen Sie zu den ansässigen Kommunen und anderen GUV?

Frederic Stürtzel: Die Kommunen haben als Verbandsmitglieder direkten Einfluss auf unsere Arbeit. Sie entsenden die Mitglieder des Vorstands, der sich aus haupt- und ehrenamtlichen Bürgermeistern zusammensetzt. Die Verbandsvorsteherin übernimmt die gerichtliche und außergerichtliche Vertretung des GUV, hier stehen wir in engem und vertrauensvollem Austausch. Das GUV-Netzwerk in Thüringen ist wie eine große Familie, alle sind per Du und wir agieren auf Augenhöhe. Durch den offenen Dialog profitieren alle Beteiligten in der täglichen Arbeit.

Fließgewässer überschreiten Grenzen, wie wichtig sind diese für die Umwelt?

Frederic Stürtzel: Unsere Gewässer entspringen fast alle im Verbandsgebiet und münden dann außerhalb in den nächsten Fluss, bis das Wasser am Ende irgendwann ins Meer fließt. Das zeigt ganz klar: Wir leben in einem Lebensraum ohne Grenzen und teilen diesen mit allen anderen Lebewesen. Wenn wir alle unsere Umwelt achten und diese gut pflegen, machen wir die Welt ein kleines Stück besser.

Vielen Dank für das Interview!

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