„Wir wollen Trüffelweltmeister werden“

„Wir wollen Trüffelweltmeister werden“

Das #TABinterview mit Anja Kolbe-Nelde

Für das #TABinterview besuchen wir die Pilzfarm von Anja Kolbe-Nelde. Die gelernte Bankkauffrau hat ihr Hobby zum Beruf gemacht. Dafür baute die 43-Jährige den alten Konsum in Schönewerda um und gründete ihre Firma Thüringer Freilandpilze GmbH. Inzwischen arbeitet sie mit fünf Mitarbeiter*innen an ihrer Vision: Thüringen soll Trüffelweltmeister werden. Mit uns sprach Anja Kolbe-Nelde über den geheimnisvollen Pilz, Kapitalanlagen und wie sie Barrieren in den Köpfen der Menschen abbauen will.

Zur Website des Thüringer Trüffelanbaus

Wann hat das Interesse für Trüffel angefangen?

Wenn man schon immer eine Leidenschaft für Pilze hatte – also als Kind schon, denn ich bin immer mit den Eltern in den Wald gegangen – dann bleibt das irgendwie in einem.

Wie haben Sie sich zu diesem Thema weitergebildet?

Irgendwann kam ich mit Pilzbüchern nicht mehr weiter. Ich habe dann recherchiert und bin auf die mobile Pilzschule gekommen. Da habe ich mich 2012 zum Doppelkurs A angemeldet. Das ist ein Wochenkurs, wo es nur über die Gattung der Röhrlinge und deren Verwandte sowie Grundlagen der Pilzkunde ging. Ich habe dann noch mehrere aufbauende Wochen- und Wochenendkurse sowie Tageslehrwanderungen besucht. 2015 legte ich meine Prüfung als Pilzsachverständige ab. Seit 2019 bin ich auch geprüfte Trüffelberaterin. Darüber hinaus besuche ich jedes Jahr Weiterbildungskurse und gehöre seit 2021 zu einer Prüfungskommission für Pilzberater.

Wann wurde mehr aus diesem Hobby?

Ich wohne in Schönewerda und direkt vor meiner Nase war dieser Konsum mit der angrenzenden Pferdewiese. Nach mehreren Kursen zum Pilzanbau wollte ich es selbst versuchen. Die ersten Pilze, die ich hier anbaute, waren Shiitake, Stockschwämmchen, Rosen-, Zitronen- und Austernseitlinge. Diese ernähren sich von Holz. Ich möchte im Anbau die Natur imitieren – also so wie es wirklich in freier Natur im Wald passiert. Und dann habe ich irgendwann zu meinen Eltern und zu meinem Mann gesagt, dass wir jetzt eine Pilzfarm eröffnen. Sie waren anfangs skeptisch. Aber wir haben dann die erste Lkw-Ladung mit Holz bekommen, das wir selbst schneiden, impfen und pflegen mussten. Wir haben die gesamte Infrastruktur konzipiert und die ersten Gewächshäuser gebaut.

In welchem Jahr war das?

2015 beantragte ich bei der Thüringer Aufbaubank die erste ILU-Förderung. Wir mussten das Gebäude komplett sanieren und umbauen.

Wie ging es weiter?

Dann kam eine riesige Pilzwelle, da hatten wir mit einem Mal rund 400 Kilogramm Pilze, aber noch gar nicht die Vermarktungsmöglichkeiten geschaffen. Da sind wir auf Wochenmärkte gefahren. Ohne Erfahrung gestaltete sich der Verkauf der Pilze als schwierig. Bei dieser natürlichen Pilzzucht erntet man die Pilze auch nur über zwei Wellen im Jahr. Damit erzielten wir keine dauerhaften, kontinuierlichen Einnahmen. Die Realität war nicht so, wie ich mir das ausgemalt hatte. Die Bewässerung, die Temperatur und viele andere Einflussfaktoren mussten wir erst herausfinden. Nicht selten war ich bis spät in die Nacht im Betrieb, um zu impfen oder zu ernten. Nicht geahnt hatte ich, dass Frischpilze innerhalb weniger Tage oder sogar Stunden geerntet und vermarktet werden müssen.

Zu diesem Zeitpunkt haben Sie die Pilzzucht noch nebenberuflich gemacht. Wie kam die Entscheidung zur Gründung der Thüringer Freilandpilze GmbH?

Das war ein bewusster Schritt in die Selbstständigkeit, um die Pilzfarm hauptberuflich zu betreiben. Ich habe mich dafür sehr breit aufgestellt. Ich biete Pilzlehrwanderungen, den Event-Raum für Schulungen und Kochkurse an, dazu gehört ebenso ein Hofladen. An verschiedenen Wochenenden gebe ich Morchelkurse oder Kurse für die Trüffelsuche mit Hunden. Als natürlichen Windschutz und zur Schattierung der Pilzhölzer bauen wir Aroniabeeren an, aus denen wir Saft produzieren. Und dann ging das auch los mit den Trüffeln.

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Der Trüffelanbau ist momentan auch Ihr Hauptgeschäft. Wie sind Sie auf die Trüffel gekommen?

Mit zunehmendem Spezialwissen und praktischen Erfahrungen kam mit der Zeit der Wunsch, noch Pilze zu züchten, die in einer Symbiose mit Bäumen leben, wie beispielsweise Trüffel. Und weil die Trüffel so geheimnisvoll und vor allem hier überall heimisch ist, hat das mein Interesse geweckt. Mit meiner Lagotto Romagnolo Hündin Jette hatte ich schnell die ersten Trüffelnachweise in Thüringen. So habe ich gemerkt, dass wir in Thüringen wirklich wahnsinnig gute Bedingungen für den Trüffelanbau haben. Auf einer geführten Forschungsreise durch Frankreich kam ich zu dem Ergebnis: Das können wir besser.

Wie haben Sie Ihr Geschäftsmodell um den Trüffelanbau erweitert?

Wir haben spezielle Gewächshäuser aufgebaut und uns auf bestimmte Erdmischungen spezialisiert, Kultivierungsmaßnahmen optimiert, bewährte erfolgreiche Anbauverfahren weiterentwickelt, eigene Trüffelplantagen nach Vorbildern der Natur angelegt und spezielle individuelle Beratungsangebote für Kunden der Pilzwirtschaft konzipiert. Zunächst ging es darum, Landwirte für das Thema Trüffelanbau zu sensibilisieren. Dazu bieten wir Infogespräche von der Planung und Durchführung bis hin zur Ernteerwartung an. Nicht nur auf unserem Betriebsgelände, sondern auch vor Ort mit umfassenden und zukunftsorientiert fortlaufenden Beratungs- und Betreuungsleistungen. Der erste Baustein zur eigenen Trüffelplantage beginnt in der Vorbereitungsphase mit einer Erstberatung und der Begehung des Grundstücks mit Bodenanalyse und Ist-Aufnahme. Im weiteren Verlauf erstellen wir besondere Pflanzpläne. Seit 2021 können wir beim Anlegen der Plantage mit Fachpersonal unterstützen und übernehmen auf Wunsch die Pflege und Betreuung der Trüffelplantage.

Wie hat Sie die TAB dabei unterstützt?

Da es sich bei unseren Pilzstämmen um Dauerkulturen handelt, konnten diese in die landwirtschaftlichen Förderung eingebracht werden. Die Förderung zum Ausbau des Pilzzentrums erleichterte mir die Möglichkeit, Aufgaben zu teilen und dadurch Arbeitsplätze zu schaffen. So wurde 2015 der Umbau des Konsums und 2019 die Erweiterung des Pilzzentrums mit Hilfe der TAB gefördert.

Beim Thema „Trüffelanbau in Thüringen“ handelt es sich um ein Innovationsprojekt. Eine Mitarbeiterin der TAB verwies auf weitere Fördermittel, um die neuen Ideen und Visionen umsetzen zu können.

Wie lief die Beantragung der Innovationsförderung ab?

Durch die Auswirkungen von Corona dauerte es von der Beantragung bis zur Bewilligung der LFE-Förderung fast zwei Jahre. Kooperationspartner wurden gesucht, Absprachen getroffen, Vorhaben beschrieben, Versuchspläne erarbeitet, Personal- und Finanzplanungen erstellt und eine sehr umfangreiche Projektskizze entwickelt. Ein Ausschuss hat das Vorhaben schließlich befürwortet und damit den Weg geebnet.

Ist Thüringen denn demnächst für Trüffel statt Bratwurst bekannt?

Thüringen hat großflächig die Böden für den Trüffelanbau. Angebaut wird die im Handel als Sommer- beziehungsweise Burgundertrüffel bezeichnete Art „Tuber aestivum“. Das ist genau die Burgundertrüffel, die auch in Italien und Frankreich angebaut wird. In Thüringen wächst diese Trüffelart massenhaft im Boden an natürlichen Standorten. Überall, wo sich Kalk im Boden befindet und der richtige Baumpartner steht, gibt es auch Trüffel. Egal ob in der freien Natur oder innerhalb von Ortschaften. Wir werben aber nicht für eine französische Produktbezeichnung, sondern bestehen auf „Thüringer Trüffel“.

Wir wollen Trüffelweltmeister werden – hinsichtlich der Produktivität bezogen auf die Anbaufläche. Wir wollen Thüringer Trüffel als regionales Produkt begreifbar machen und Begehrlichkeiten wecken.

Worum geht es in Ihrem Innovationsprojekt genau?

Eine elementare Zielsetzung des LFE-Projektes ist es, natürliche Fundstellen verteilt auf alle Landkreise in Thüringen zu ermitteln. Es geht dabei aber nicht um den bloßen Nachweis. Die Stellen werden beprobt und erfasst. Zusätzlich werden sie von der Friedrich-Schiller-Universität Jena (Anmerkung der Redaktion: wissenschaftliche Partnerin) mikrobiell erforscht. Außerdem ermitteln wir sämtliche makroskopischen Faktoren, wie etwa ökologische Daten. Das heißt alles von Begleitpilzen, zu Begleitpflanzen, zu Baumarten, zu Klima, Niederschlägen, Ausgangsgestein und so weiter. Diese Stellen werden intensiv erforscht, was so umfänglich weltweit – nach unserem Kenntnisstand – auch noch nie gemacht wurde.

Was ist das Ziel dieser Forschung?

Die Stellen werden über drei Jahre hinsichtlich der Produktivität kontrolliert und eingeteilt. Solche Dauerbeobachtungen einzelner Fruchtkörper – direkt im Boden zur Entwicklung des Reifegrades innerhalb eines Trüffeljahres – haben Potential, um für die Produktivität einer Plantage entsprechende Steuerungsmöglichkeiten zu entwickeln. Dieses zusätzliche Know-how wird als Beratungsangebot Thüringer Landwirten und Investoren zur Verfügung gestellt.

Was waren die größten Hürden, die Sie überwunden haben?

Zunächst hatte ich mir einen falschen Kooperationspartner ausgewählt, dies aber dann doch noch rechtzeitig gemerkt und kurzfristig ausgetauscht. Zudem waren Trüffel in Thüringen völlig unbekannt. Mir ist es aber gelungen über Presse, TV und eine Website zur Forschung Trüffel ein wenig bekannter zu machen und die Nachfrage nach Produkten und Beratungsleistung zu steigern.

Was sind die Vorteile für Landwirt*innen?

Kurz und knapp: Mehr Ertrag pro Hektar, weniger Pflegeaufwand, Erosionsschutz, keine Chemie, dauerhafte CO2-Bindung, kein Dünger, weniger Kosten. Naturschutz und Ertragssteigerung lassen sich hier durch die Anlage eines Trüffelbiotops wunderbar verbinden. Durch die Pflanzung von Trüffelpilzen mit verschiedenen Baumarten können sich Vögel, Kleinsäuger, Insekten und Kleinstlebewesen ansiedeln. Bienen finden Weideplätze vor. Dadurch wird ein ökologisch wertvoller Beitrag zur Natur geleistet, der sogar noch mit Ökopunkten belohnt wird. Trüffelpflanzungen bringen über Jahrzehnte Erträge bei geringem Pflegeaufwand.

Aber auch Privatpersonen können einfach Trüffeln anbauen. Wie geht das?

Hecken oder einzelne Bäume, wie Rotbuchen, Hainbuchen, Haselnuss oder andere Baumarten, die sich für den Trüffelanbau eignen, können zur eigenen Trüffelernte im Garten führen. Viele Privatpersonen haben ihre Grundstücke beziehungsweise Land für viel zu wenig Geld verpachtet, anstatt diese als Kapitalanlage zu sehen und zu nutzen. Mit diesen neuen Möglichkeiten solche „Bodenschätze“ zu etablieren, wird mancher Grundstücksbesitzer Eigenbedarf anmelden und mehr Ertrag aus seinem Besitz herausholen wollen.

Inwiefern können Trüffel auch als Kapitalanlage genutzt werden?

Investoren können beispielsweise „schlüsselfertige“ Plantagen anlegen lassen. Diese können verkauft, verpachtet, unterverpachtet oder touristisch genutzt werden. Kapitalgeber können sich zu Investmentgesellschaften zusammenschließen, um große Projekte auf den Weg zu bringen. Gewinne werden aus der Vermarktung der Trüffel und der Herstellung von Trüffelprodukten erzielt.

Was sind Ihre Visionen für die Zukunft?

Wir wollen Trüffelweltmeister werden – hinsichtlich der Produktivität bezogen auf die Anbaufläche. Wir wollen Thüringer Trüffel als regionales Produkt begreifbar machen und Begehrlichkeiten wecken. Die Ess- und die Genusskultur muss hierzulande einen neuen Stellenwert bekommen. Einheimische Restaurants werden sich wegen der zunehmenden Nachfrage mit der Zubereitung von Trüffeln auseinandersetzen. Die nächste Generation wird überall Trüffelgerichte verlangen und mit ihren selbst angebauten Trüffeln am heimischen Herd kochen. Der Tourismus wird durch die Trüffelkultur in Thüringen neuen Auftrieb bekommen. Dafür benötigen wir ein besonderes Image und die besten Plantagen der Welt. Trüffel isst man im Land der Trüffelweltmeister!

Vielen Dank für das Gespräch!

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ILU - Investitionsförderung landwirtschaftlicher Unternehmen in Thüringen
LFE - Förderung der Zusammenarbeit in der Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft in Thüringen
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