Interview: Attraktivität von Bauaufträgen

Dieter Babiel

Dieter Babiel

Dieter Babiel, 1960 in Flensburg geboren, sammelte nach Abschluss des Studiums in Erziehungswissenschaften erste berufliche Erfahrungen als Leiter Personalentwicklung und Geschäftsführer eines Schulungszentrums bei der Deutschen Lloyd Versicherungen AG in München. Von 1992 bis 2001 war er Leiter Personalentwicklung der Würth-Gruppe. Seit 2001 ist Babiel in verschiedenen Funktionen für die Firma Saint-Gobain tätig und trägt seit 2014 als Personaldirektor Personalverantwortung für die 20.000 Mitarbeiter*innen der Saint-Gobain Generaldelegation Mitteleuropa.

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(22.10.2019) Fehlende Angebote und zum Teil zu hohe Preise - wie können öffentliche Auftraggeber*innen Bauausschreibungen noch attraktiv gestalten? Unser Interview mit dem Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der deutschen Bauindustrie, Dieter Babiel.

Herr Babiel, aus vielen Gesprächen mit Kommunen hören wir, dass es zum Teil keine Angebote mehr auf Bauausschreibungen gibt. Woran kann dies liegen, gibt es Engpässe in der deutschen Bauwirtschaft?

Die Unternehmen des Bauhauptgewerbes meldeten für den Durchschnitt des Jahres 2018 eine saisonbereinigte Auslastung der Maschinenkapazitäten von 79 Prozent, im August 2019 waren es 78 Prozent. Das bedeutet: Es gibt durchaus noch „Luft nach oben“. Zudem wurden und werden die Kapazitäten laufend ausgeweitet: Von 2009 bis 2018 wurde die Zahl der Beschäftigten im Bauhauptgewerbe von 705.000 auf 837.00 ausgeweitet. Im laufenden Jahr dürften es noch einmal 20.000 Beschäftigte mehr werden. Und die Unternehmen des Baugewerbes haben ihre Investitionen in neue Maschinen von 3,2 auf 6,6 Mrd. Euro mehr als verdoppelt, dieser Trend hält weiterhin an. Von wirklichen Engpässen kann man noch nicht reden. Aber wir müssen aufpassen. Und vor allem weiter unsere Hausaufgaben machen, um die Fachkräfte zu sichern und zu bekommen.

Dieser Artikel ist in unserer Reihe "Impulse" erschienen. Kommunen erhalten hier aktuelle Fachinformationen an die Hand. Sie möchten die Impulse direkt ins Postfach? Abonnieren Sie unseren vierteljährlichen Newsletter speziell für die öffentliche Hand.

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Viele Bauprojekte gehen mit Bauzeitverlängerungen und Kostenüberschreitungen einher. Welche Instrumente können Kommunen nutzen, um dies zu verhindern?

Wegen der knappen Personaldecke in den kommunalen Bauverwaltungen dauern Planungs- und Genehmigungsprozesse oft sehr lange, zudem sind die Planungen deswegen teilweise fehlerhaft. Hier muss dringend wieder Personal aufbaut werden. Eine Beschleunigung und gegebenenfalls Kostenreduzierung kann erreicht werden, wenn Baufirmen frühzeitig bereits in den Planungsprozess mit einbezogen werden. Hierdurch können Planungsfehler eliminiert werden. Bei Bauprojekten, die nicht innerhalb weniger Monate abgewickelt werden, schlagen seit Jahren die permanent steigenden Baustoffpreise zu Buche. Hierauf haben unsere Unternehmen keinen Einfluss. Nachfrage und Angebot bestimmen hier den Preis.

Die Deutsche Bauindustrie steht unter anderem für Innovation im Bau. Welche Anforderungen müssen Ausschreibungen erfüllen, damit die Unternehmen diese Stärken voll einbringen können?

Solange bei kommunalen Ausschreibungen der Zuschlag nahezu ausschließlich auf das „billigste“ und nicht auf das „wirtschaftlichste“ Angebot erfolgt, haben Baufirmen nicht den Anreiz, Innovationen in den Bauprozess einzubringen. Nebenangebote, die Alternativen in der Bauproduktion enthalten, sollten generell zugelassen und stärker gewichtet werden. Gleichzeitig bieten Modelle, bei denen Planung und Bau miteinander gekoppelt werden, die Möglichkeit, bauausführendes Knowhow bereits in den Planungsprozess einzubringen.

Gerade für die jeweiligen Regionen ist es wichtig, dass auch der Mittelstand vor Ort in die Ausschreibungen einbezogen wird. Wie passt dies mit Beschaffungsformen, wie z.B. Generalunternehmerverträgen etc. zusammen?

Generell ist laut Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkung (§ 97) die Fach- und Teillosvergabe vorzuziehen. In dieser Form werden auch die meisten kommunalen Bauprojekte abgewickelt. Generalunternehmerverträge sind auf Gemeindeebene eher die Ausnahme. Zudem greifen Generalunternehmer regelmäßig auf Nachunternehmerleistungen zurück, die dann im Normalfall in der jeweiligen Region beziehungsweise in der jeweiligen Kommune eingekauft werden. GU-Verträge schließen also die Partizipation des Mittelstandes vor Ort nicht aus. Im Übrigen: Gerade im Hochbau ist der Mittelstand sehr wohl in der Lage, Projekte im Rahmen eines GU-Modells umzusetzen. Mehr noch: der Großteil unseres bauindustriellen Mittelstands sind Generalunternehmer. 

Herr Babiel, Ihr Fazit in einem Satz: Wie können Bauausschreibungen attraktiv gestaltet werden?

Kommunen sollten nicht den billigsten Anbieter suchen, die Qualität der Planungen und der Ausschreibungsunterlagen verbessern und eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Baufirmen „auf Augenhöhe“ anstreben.

Vielen Dank für das Gespräch!

Kundenbetreuung der Thüringer Aufbaubank (im Bild zu sehen ist das fünfköpfige Beratungsteam).
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