1 Jahr Wohnexperiment #3ZKDB

Pole-Dance, Corona und ein plötzlicher Auszug

Seit knapp einem Jahr bewohnen Nathalie und Marco unsere Modellwohnung in der Asbachstraße in Weimar. Im Rahmen des Forschungsprojekts „3 Zimmer, Küche, Diele, Bad“ – kurz #3ZKDB – erproben sie, wie die eigenen vier Wände für Nachbarschaftsaktivitäten genutzt werden können. Dafür übernehmen wir als Thüringer Aufbaubank für zwei Jahre die Kaltmiete der Wohnung. Begleitet wird das Projekt durch Wissenschaftler*innen der Bauhaus-Universität Weimar. Im #TABInterview erzählen die beiden, was dieses Langzeitexperiment mit ihnen macht – und warum plötzlich eine Pole-Dance-Stange im Wohnzimmer steht.

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Ok, warum steht eine Pole-Dance-Stange bei euch im Wohnzimmer?

Nathalie: Während Corona durften keine Veranstaltungen bei uns in der Wohnung stattfinden. Da haben wir gemerkt, dass wir das vordere Zimmer gar nicht nutzen. In der Telegram-Gruppe „Sharing is Caring Weimar“ suchte eine Frau einen kleinen Tanzraum. Sie studiert freie Kunst an der Bauhaus-Universität Weimar und macht Performance mit dem Schwerpunkt Frauenbilder. Jetzt möchte sie Pole-Dance in ihre Performance einbinden und suchte Platz für die Stange, weil sie den Arbeitsraum an der Uni nicht mehr nutzen darf. Jetzt kommt sie zwei bis drei Mal die Woche zum Training zu uns.

Was hättet ihr vor einem Jahr gedacht, wo das Projekt heute stehen könnte? Das war kurz vor eurem Einzug in die Asbachstraße.

Nathalie: Ich hätte gedacht, dass wir mehr Offenheit haben, dass mehr Nachbarn hier ein und aus gehen. Dass wir uns mehr zur Nachbarschaft geöffnet hätten. Das war ein starkes Bild, das ich in meinem Kopf hatte.

Marco: Vor allem, dass wir uns vielleicht auch schon über die Hausgemeinschaft hinaus in die Straße geöffnet haben. Durch das Gartenfest oder Wohnzimmerkonzerte.

Nathalie: Ich hatte das Ziel, eine Brücke zwischen Weimar und den Studierenden der Uni zu schaffen. Wir hatten uns dafür ein Format ausgedacht, das im März hätte starten sollen. Das ist geplatzt.

TABInterview - 3ZKDB (Interviewsituation in der Küche mit Nathalie und Marco und Interviewerin, die am Tisch sitzen und sich unterhalten)

Ich hätte gedacht, dass wir mehr Offenheit haben, dass mehr Nachbarn hier ein und aus gehen. Dass wir uns mehr zur Nachbarschaft geöffnet hätten. Das war ein starkes Bild, das ich in meinem Kopf hatte. Dann kam Corona. 

– Nathalie Nayre Millán Cerezo

Was war das für ein Format?

Marco: „Stadtwahrnehmung“. Wir hätten uns in mehreren Workshops mit Studierenden und Nachbar*innen zusammengesetzt und uns die Frage gestellt: „Was bedeutet eigentlich Weimar für dich?“. Wir hätten verschiedene Stadtbilder skizziert, auch anhand von Karten und Bildern. Um dann in einem zweiten Schritt zu schauen: Was gibt es da historisch? Was ist da gewachsen? Was gibt es für Literatur, was gibt es für Filme über Weimar, wie wird die Stadt wahrgenommen? Daraus wollten wir einen Stadtführer oder Audiowalk machen oder auch eine Ausstellung mit dem Material, das entstanden ist. Das war alles startklar, aber dann kam uns Corona dazwischen.

Was hat die Corona-Zeit mit euch persönlich gemacht?

Nathalie: Mich hat das alles mega gestresst, weil ich innerhalb von meiner Masterarbeit war. Und dann hatte ich plötzlich keinen Arbeitsraum an der Uni mehr und auch die Zusammenarbeit mit meinem Partner für diese Masterarbeit ging auseinander. Das war für mich Stress. Aber gleichzeitig auch Ruhe, weil so viele andere Sachen abgesagt wurden und ich zu Hause gearbeitet habe.

Marco: Es war erst einmal eine totale Beruhigung, ein komplettes Herunterfahren. Es war für mich ja auch noch in den Semesterferien und sehr unsicher, wie es weitergeht. Und es war erstmal nicht so schlimm oder anders. Außer dass wir dann hier saßen und uns erstmal anders mit der Wohnung und unserem Leben befassen mussten. Das Studium war dann natürlich auch anders als sonst. Und wir waren viel draußen. Wir haben uns einen Garten in Apolda zugelegt und dort ein paar Sachen gemacht. Das war auch ein guter Ausgleich, um nicht immer hier in der Bude zu hocken und noch länger in den Laptop zu starren.

TABInterview - 3ZKDB (Interviewsituation in der Küche mit Nathalie und Marco und Interviewerin, die am Tisch sitzen und sich unterhalten)

Es war erst einmal eine totale Beruhigung, ein komplettes Herunterfahren. Es war für mich ja auch noch in den Semesterferien und sehr unsicher, wie es weitergeht. Und es war erstmal nicht so schlimm oder anders. Außer dass wir dann hier saßen und uns erstmal anders mit der Wohnung und unserem Leben befassen mussten.

– Marco Luca Reusch

Corona und Nachbarschaftsnähe – wie ging das zusammen?

Marco: Es war ja recht schnell klar, dass hier nichts stattfinden darf. Und das hat die Wohnungstür erstmal wieder dicht gemacht. Und trotzdem gab es in der Lockdown-Phase einen viel intensiveren Begegnungsraum im Treppenhaus. Weil man sich viel öfter gesehen hat und nach ein paar Wochen auch das Bedürfnis da war, sich auszutauschen.

Nathalie: Als der Lockdown kam, haben wir als erstes ein Schild im Treppenhaus aufgehangen und unsere Hilfe angeboten. Und dann gab es so kleine Sachen: Wir haben Bärlauch gesammelt und für alle im Haus Bärlauchsalz gemacht. Marco hat ein Zeitungstausch initiiert. Dann gibt Kinder im Haus, die plötzlich Technik fürs Homeschooling benötigt haben und Marco hat sich gekümmert, dass eines der Kinder dafür einen Laptop bekommen.

Marco: Das war vom „Maschinenraum“, einer Initiative an der der Bauhaus-Uni. Die wollen alte Laptops reparieren und an Familien weitergeben, die fürs Homeschooling der Kinder welche brauchen. Da fehlten aber zunächst die Anknüpfungspunkte, weil man im Unikontext ja meist nichts mit den Leuten zu tun hat, die den Bedarf haben. Daraufhin habe ich hier im Haus gefragt.

Wie geht es bei euch jetzt weiter?

Nathalie: Ich ziehe Ende September aus der Wohnung aus, und Marco wird hier bleiben. Da gibt es aktuell zwei Möglichkeiten: Dass eine neue Person hinzukommt oder auch zwei, also eine WG-Situation. Oder dass man zum Beispiel Arbeitsräume vermietet. Wir wissen noch nicht genau, wie es sich ändern wird.

Warum ziehst du aus?

Nathalie: Ich suche seit etwa einem Jahr in Thüringen einen Job. Ich habe einen Aufenthaltstitel, der an mein Studium gebunden ist. Normalerweise hat man nach dem Abschluss auch gut 1,5 Jahre Zeit, eine Arbeit zu finden. Aber mein Pass läuft aus, und das ist immer ein Problem mit den Reisepässen von Venezuela. Da bekommt man keinen neuen Pass, sondern einen Aufkleber. Trotzdem dauert das sehr lange. Mit Corona ist das komplett zum Stillstand gekommen, in Venezuela geht aktuell nichts. Deshalb wollte ich so schnell wie möglich einen Job finden, um meinen Lebensunterhalt hier zu sichern und den Aufenthaltstitel zu verlängern. In der Region hier gab es leider nichts, sondern ich habe in Baden-Württemberg etwas gefunden. Deshalb ziehe ich aus.

Und Marco, du wolltest eigentlich mitgehen, oder?

Marco: Das ist aber eigentlich anders gekommen. Ich würde gern mal bei einer Internationalen Bauaustellung (IBA) von vorne bis hinten mitarbeiten. Und die nächste IBA ist 2027 in Stuttgart, was ja auch meine Heimatregion ist. Durch Zufall habe ich gesehen, dass die IBA27 eine*n Werkstudent*in sucht. Erst hatte ich gefragt, ob ich das von hier aus machen könnte. Dann hat Nathalie aber den Job bekommen und hier an der Uni wird es auch ab Herbst voraussichtlich nur Onlinelehre geben. Da habe ich überlegt, ein halbes Jahr mitzugehen und ein Praxissemester einzuschieben. Das ist aber am Ende leider nichts geworden.

Wie stark beeinflusst es eure Motivation, dass ihr aktuell keine Kaltmiete zahlt? Würde man auch freiwillig solche Angebote für die Nachbarschaft machen?

Nathalie: Es ist eine persönliche Sache. Ich persönlich würde es freiwillig machen. Mir ist es dafür nicht wichtig, dass ich das Geld nicht bezahlen muss. Ich glaube, die wichtigere Ressource ist Zeit, die man investiert. Und dann ist es die Frage, was einem persönlich wichtig ist: In was für einem Umfeld möchte ich leben? Das ist für mich der größere Anreiz.

Marco: Es spielt schon eine Rolle, diese „Gegenleistung“. Das hält uns schon aktiver. Aber ich stimme auch Nathalie zu, gewisse Dinge würden bei uns immer stattfinden. Vielleicht würde man nicht in der Regelmäßigkeit versuchen, ein Wohnzimmerkonzert oder dies oder jenes zu machen.

Nathalie: Ich glaube, da spielt auch die Herkunft eine große Rolle, also wie man aufgewachsen ist. Ich bin in einer sehr starken Nachbarschaftsgemeinschaft aufgewachsen und das hat mich geprägt.

Marco: Der Raum an sich ist auch wichtig. Da spielt das Geld dann wieder eine Rolle, ob ich mir nur ein 30-Quadratmeter-Appartment leisten kann oder ob ich zu zweit eine 80-Quadratmeter-Wohnung habe, so wie wir jetzt. Wo ich eins, zwei Zimmer so flexibel nutzen kann.

TABInterview - 3ZKDB (Interviewsituation in der Küche mit Nathalie und Marco und Interviewerin, die am Tisch sitzen und sich unterhalten)

Es ist eine persönliche Sache. Ich persönlich würde es freiwillig machen. Mir ist es dafür nicht wichtig, dass ich das Geld nicht bezahlen muss. Ich glaube, die wichtigere Ressource ist Zeit, die man investiert. Und dann ist es die Frage, was einem persönlich wichtig ist: In was für einem Umfeld möchte ich leben? Das ist für mich der größere Anreiz.

– Nathalie Nayre Millán Cerezo

Hilft eurer Backround aus Urbanistik und Architektur oder steht es dem manchmal auch im Wege?

Marco: Das ist etwas ambivalent. Es hilft extrem und steht dem manchmal im Wege. Es hilft in dem Sinne, das Netzwerk zu haben. Wir können die verschiedensten Initiativen mit einbringen und wir haben im Studium auch gelernt, wie man sowas angeht. Wir haben z.B. ein Stipendium zur Demokratieförderung beantragt. Damit wollten wir die Workshops finanzieren und ein großes Straßenfest machen. Das sind dann die Sachen, bei denen es hilft. Das wurde wegen Corona leider verschoben.

Wo es manchmal im Weg steht: Wir haben hohe Ansprüche an uns und das Projekt und wie wir es umsetzen wollen. Dadurch sieht man die Kleinigkeiten gar nicht mehr. Wo einem dann erst auffällt: Das hat eigentlich schon was mit dem Projekt zu tun und ist wichtig für die Forschung. Da stolpert man dann vielleicht mal selbst über sich oder muss viel mehr reflektieren.

Wie fühlt sich diese „Beobachtung“ durch die Uni an? Fühlt ihr euch wie unter dem Mikroskop oder bekommt ihr es kaum mit?

Nathalie: Wir bekommen es natürlich mit, weil wir jede Woche Tagebuch für die Uni führen. Das ist eine wöchentliche Zusammenfassung, was passiert ist. Wir haben dabei drei Kategorien: Ideen, Organisation und Umsetzung. Hier dokumentieren wir, wann wir welche Idee hatten und wie und wann wir das umgesetzt haben. Dazu schreiben wir noch Kommentare, in denen wir alles etwas umfangreicher darstellen. Manchmal passiert halt auch mal zwei Wochen nichts und dann fühle ich mich schlecht.

Marco: Das soll nicht sein, aber das passiert halt automatisch. Da macht es eben doch was aus, dass man hier kaltmietfrei wohnt. Das hat einen Einfluss und diese Beobachtung hat auch einen Einfluss, aber das finde ich nicht schlimm. Es hat positive Seiten, dass man sich zwingen muss, sowas zu dokumentieren. Durch die Reflektion kommen auch neue Ideen.
Über das Tagebuch hinaus gibt es alle sechs Monate ein Interview und ein Fragebogen. Das war jetzt zwei Mal und wird demnächst wieder stattfinden. Daran merkt man natürlich, dass man beobachtet wird. Aber das war uns ja auch klar.

Vielen Dank für das Gespräch!

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